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Angsttraum

Assistent des Geschichtenerzählers

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Friday, January 17th 2014, 5:22pm

Shadowscat - der Anfang

Als meine Weihnachtsgeschichte gepostet wurde, wollten einige von mir wissen, ob ich schon mehr geschrieben habe. Tatsächlich war die kurze Story praktisch eine kleine Fortsetzung einer alten Geschichte von mir. Sie stand einst im Forum hier, wurde aber wohl irgendwann gelöscht, da ich nicht mehr weiter geschrieben habe. Da einige sie aber jetzt lesen wollen, poste ich sie einfach noch mal hierher.



Shadowscat – Der Anfang


Geburt



Es war Abend über der Elfeninsel geworden. Ein schöner Tag, wie jeder andere ging seinem Ende zu und die Nacht schob ihre dunklen Schwingen über das sanft daliegende grüne Land. Die Sterne standen hoch am Firmament und erhellten in zartem Licht die Gegend. Die Elfen liebten ihre Insel und behandelten sie sehr rücksichtsvoll. Sie waren der Natur in unglaublicher Hinsicht verbunden und pflegten sie mit großer Hingabe. Und die Natur dankte es ihnen. Sie gab ihnen Wasser, das sanft aus den Quellen sprudelte, gab ihnen viel Obst und Gemüse, das in ausreichender Fülle den Bäumen und dem Boden entspross. Ja, sie jagten auch, aber nie mehr, als sie benötigten.

Nichts konnte diese Verbindung des Elfenvolkes mit der Natur ihrer Insel stören. Wirklich nichts?

Kaituranja, die älteste Weise der Elfen stand wie oft am offenen Fenster und schaute in die dunkle Nacht. Sie mochte die Einsamkeit und die Ruhe der Nacht im besonderen Maße. Die Sterne redeten mit ihr, erzählten ihr von dem ewigen unverückbaren Bündnis zwischen dem Elfenvolk und der Natur. Alles war wie immer. Aber plötzlich zuckte sie zusammen. Sie schüttelte kurz irritiert den Kopf, glaubte sich versehen zu haben, schaute genauer hin. Aber das, was sie bemerkt hatte, entsprach der Wahrheit. Eine dunkle, wirklich düster aussehende Wolke schob sich vor die funkelnden Sterne.

Regen?“ murmelte Kaituranja. Natürlich gab es auf der Elfeninsel auch Regen. Ein sanft plätscherndes aus dem unendlichen Himmel kommendes Nass. Schließlich brauchte die Natur den Regen zum Wachsen des Grüns. Doch niemals verdunkelten dabei Wolken den Himmel. Im Gegenteil, wenn es regnete gab es wunderschöne Regenbogen, die selbst dem Regen die Schönheiten der Natur entlockten.

Aber natürlich kannte die Weise Wolken. Wie die meisten Elfen war sie in ihrer Jugend von der Elfeninsel zum Festland gereist und hatte sich dort umgesehen. Hatte ihre Heilfähigkeiten in den Dienst der Menschen gestellt und dabei hatte sie so manches Mal auch düstere Wolken, Stürme und heftig herabprasselnden Regen gesehen. Die Menschen hatten eben nicht den tiefen Bezug zur Natur wie die Elfen. Darum waren sie aber nicht unbedingt schlecht. Sie waren eben nur anders.

Doch so sehr sie sich auch wunderte, die dunkle Wolke, die sie sah, wurde immer größer, verschluckte regelrecht die Sterne. Kaituranja begann unwillkürlich zu zittern. Sie fühlte eine Kälte in der Luft, die ihr durch und durch ging. Schnell griff sie nach einem Schal und legte ihn sich um die Schultern. Das sanfte Lüftchen, das immer über die Insel wehte, wurde stärker. Dann war es weg. Es war, als würde die Natur einen Moment lang den Atem anhalten. Nur ganz kurz dauerte es, dann begann der Wind erneut zu wehen. Immer stärker und stärker wurde er, wuchs zu einem richtigen Sturm an. Ein Grollen kam aus den Wolken, die inzwischen richtig düster und unheimlich aussahen.

Kaituranja hielt sich am Fensterrahmen fest um den Halt nicht zu verlieren, als Regentropfen plötzlich scharf mit dem Wind ihr entgegenschlugen. Immer stärker wurde der Regen, so dass sie die Flügel der Fenster nur noch mit Gewalt zudrücken konnte.

Durch das geschlossene Fenster hörte sie jetzt erst recht, wie stark der Wind geworden war. Es war ein Sturm, wie sie ihn seit ihrer Jugend nicht mehr erlebt hatte.

Hinter ihr erschien Drastullaria, die Helferin, die ihr die Elfen geschickt hatten, als sie ein gewisses Alter erreicht hatte und es klar war, dass sie nicht mehr alles alleine erledigen konnte.

Was ist da los?“ fragte sie und ihre Stimme zitterte dabei. „Wieso schimpft die Natur so über uns? Haben wir ihr weh getan?“

Kaituranja schüttelte den Kopf. „Nein, das glaube ich nicht.“ Sie überlegte kurz. „Es ist schon sehr lange her, da gab es hier schon mal so ein Unwetter.“

Man konnte einen Blitz zucken sehen und ein lauter Donner schallte durch die düstere Nacht.

Ich war noch ein kleines Kind und alle hatten damals riesige Angst.“ Sie legte den Kopf schief. „Ist eine Elfe schwanger und erwartet ein Kind?“ wollte sie anscheinend zusammenhangslos wissen.

Drastullaria schaute sie irritiert an. Sie verstand diese Frage nicht. Aber Kaituranja war schon sehr alt und manchmal eben auch etwas wunderlich. Darum antwortete sie. „Ja, Lurandaja wird bald niederkommen. Es müsste bald so weit sein.“

Die Weise nickte verständnisvoll. „Sie ist von ihrer Wanderschaft schwanger zurück gekommen und hat nie von dem Elfen gesprochen, von dem sie das Kind erwartet, nicht wahr?“

Ihre Helferin nickte. „Ja, richtig.“

Langsam drehte sich die alte Elfe um, ging zu ihrem Kleiderschrank und nahm einen dicken Pelz heraus. Er musste von einer ihren Reisen in ihrer Jugend gewesen sein, denn auf der Elfeninsel war es normalerweise völlig unnötig solch ein warmes Kleidungsstück im Gebrauch zu haben. Sie zog ihn an.

Ich werde zu ihr gehen.“ Sagte sie mit fester Stimme.

Aber doch nicht bei so einem Wetter.“ Wollte die etwas jüngere Elfe sie abhalten.

Doch Kaituranja wehrte ab. „Gerade wegen des Wetters.“ Murmelte sie.

Drastullaria merkte, dass sie die Weise nicht zurückhalten konnte, weil die fest entschlossen war. Es gefiel ihr gar nicht, denn bei dem Unwetter war es nicht ungefährlich draußen, doch sie ahnte, dass alle Einwände nutzlos sein würden. Darum versuchte sie es auch gar nicht mehr. Sie schluckte heftig. „Dann werde ich mitkommen!“ sagte sie dann widerwilig, Im Kleiderschrank befanden sich noch andere warme Kleidungsstücke und nach einem bestätigenden Nicken von Kaituranja zog sie sich ebenfalls einen Mantel an. Dann verließen die beiden das Wohnhaus der Weisen und kämpften sich durch den Sturm.

Es war wirklich nicht einfach den Weg zu finden. Der Wind peitschte ihnen entgegen und trug dünne Zweige und Blätter mit sich, der Regen prasselte herunter und durchnässte sie bis auf die Knochen.

Röntgenwind!“ presste Drastullaria zwischen zusammengepressten Lippen hervor. „Er geht durch und durch.“ Sie war so ein Wetter noch weniger gewöhnt als die ältere Elfe neben ihr, denn sie war nie in der Welt der Menschen gewesen.

Doch auch die nickte bestätigend. Man konnte die Augen nur geöffnet lassen, wenn man einen Unterarm vors Gesicht hielt. „Hoffentlich finden wir den richtigen Weg.“ Murmelte sie. Nicht nur, dass man nur über den Arm blinzeln konnte, sah die ganz Umgebung auch anders aus. Sie erkannten die Insel kaum wieder. Endlich fanden sie das richtige Haus und taumelten am Ende ihrer Kräfte darauf zu.




Xxx




Lurandaja lag in den tiefsten Wehen. Sie bekam nur so nebenbei mit, dass das Wetter auf der Elfeninsel verrückt spielte. Eine Heilerin war bei ihr und half ihr über die Schmerzen hinweg zu kommen. Erstaunt registrierten sie plötzlich, dass es an der Tür klopfte. Die Heilerin ging schnell hin und öffnete. Mit großen Augen schaute sie auf die beiden warm gekleideten Elfen, die da vor ihr standen.

Weise.“ Rief sie erstaunt aus. „Warum seid ihr hergekommen? Und das noch in diesem Wetter?“

Ist das Kind schon da?“ fragte Kaituranja.

Die Heilerin schüttelte den Kopf. „Nein, noch nicht.“

Resolut schob Drastullaria sie beiseite. „Wir dürfen doch, oder?“ Ohne auf Antwort zu warten, traten die beiden Besucherinnen ins Haus. Sie zogen ihre Mäntel aus und traten ans Bett, auf dem Lurandaja sich in Schmerzen wand.

Kaituranja legte ihre Hand auf den gewölbten Bauch der Schwangeren und setzte sanft ihre Heilmagie ein. Sie war eine der stärksten Heilerinnen auf der Insel, hatte früher oft Geburtshilfe geleistet. So gelang es ihr auch jetzt, die Schmerzen sehr stark einzudämmen. Draußen begann ein großes Gewitter und der Sturm rüttelte heftig an der Hüttentür. Doch im Innern des Hauses hörte man es zwar, aber das Unwetter blieb doch außerhalb der Räume. Die zuständige Heilerin zog sich unaufgefordert zurück. Sie verstand zwar nicht, warum die Weise ausgerechnet bei dieser Geburt dabei sein wollte, aber sie würde schon ihre Gründe haben.

Lurandaja, von ihren Schmerzen fast befreit staunte ihre Besucherinnen an. Doch bevor sie fragen konnte, was sie hier wollten, spürte sie, dass die Geburt ihrem Höhepunkt entgegenstrebte.

Ein Blick aus dem Fenster zeigte, dass auch draußen der Sturm einem neuen Höhepunkt entgegenstrebte. Noch lauter wurde das wütende Pfeifen und Heulen, außerdem krachte es heftig. Und nach kurzem Abstand noch mal und noch mal. Keine der Elfen konnte sich erklären, was dieses laute wiederkehrende Geräusch bedeuten könnte. Es hörte sich grausam an, gerade weil noch nie eine der Anwesenden, so was Entsetzliches gehört hatte. Es fiel ihnen schwer, nicht nach draußen zu stürmen um nach zu sehen, was da geschehen war, doch sie hatten sich um anderes zu kümmern.

Pressen!“ befahl ihr Kaituranja mit ruhiger Stimme und sie gehorchte. Immer weiter kam das Kind in ihr aus ihrem Körper. Dann eine letzte Anstrengung, und es glitt in die Welt. Ein lauter, protestierender Schrei ertönte aus dem Mund des kleinen Elfenkindes. Im gleichen Moment glitt ein heller Blitz durch den Raum und es ertönte absolut zeitgleich ein lauter Donnerschlag. Ängstlich zuckten alle zusammen und atmeten tief ein, um ihre Angst, die sie alle plötzlich spürten in den Griff zu bekommen.

Dann herrschte absolute Stille. Ein schneller Blick durch die Fenster zeigte den Elfen, dass das Unwetter von einem Augenblick zum andern verschwunden war. Kein Wölkchen verdeckte mehr die Sterne, kein Lüftchen ging mehr. Die Ruhe, die jetzt wie sonst immer war, erschien ihnen nun fast unheimlicher, als das Unwetter zuvor.

Kaituranja war wohl die Einzige, die überhaupt nicht überrascht zu sein schien über die plötzliche Stille. Sie schaute sich das kleine Elfenkind, das soeben das Licht der Welt erblickt hatte genauer an. Es war ein Mädchen, besaß grüne Haare und tiefe dunkle Augen. Diese Augen faszinierten Katiuranja. Sie waren zwar geformt wie alle Elfenaugen, hatten aber eine Tiefe, die einen in den Bann ziehen wollte. Sie schienen unendlich zu sein und hatten weit im innern einen dunklen Schatten. Die Weise sah die Mutter der neugeborenen Elfe an.

Wie wird sie heißen?“ fragte sie neugierig. Normalerweise bestimmten Vater und Mutter gemeinsam den Namen eines Kindes, doch da niemand wusste, wer der Erzeuger überhaupt war, lag das Recht hier alleine bei der Mutter.

Lurandaja schaute glücklich auf ihr kleines Töchterchen. „Sie soll Catleen heißen.“

Der Name war ungewöhnlich für eine Elfe, aber wieder schien Kaituranja nicht erstaunt zu sein. Sie nickte langsam. „So soll es sein. Catleen, herzlich willkommen in unserer Gemeinschaft.“ Sagte sie zu dem Elfen-Baby. Dann untersuchte sie es sanft mit ihrer Heiler-Magie. „Sie ist völlig gesund und wird ein langes naturerfülltes Leben führen.“

Irgendwie klang es, als wollte sie sich selbst davon überzeugen. Doch warum das so war ahnte keine der andern Elfen, die diese Geburt miterlebt hatten.

Bald verließen die beiden Besucherinnen das Haus wieder. Die Insel sah grausam aus. Abgerissene Zweige lagen überall herum. Und nun wurde ihnen auch klar, was die entsetzlichen Geräusche, die sie im innern des Hauses gehört hatten zu bedeuten hatten. Einige der riesigen, alten Bäume waren entwurzelt worden und lagen auf dem Boden. Einer von ihnen war sogar voll auf ein Haus gestürzt und dort gab es auch verletzte Elfen. Doch die Heiler waren schnell herbei gekommen und behandelten sie.

Was für eine Nacht!“ seufzte Drastullaria. „Die werde ich nie vergessen!“

Auch Kaituranja nickte leicht. „Ich auch nicht!“ flüsterte sie leise. Aber sie meinte nicht nur das Unwetter, sondern auch die Geburt, der sie beigewohnt hatten. Ein ungewöhnliches Kind, wie nur sie es erahnen konnte. Ihre Gedanken eilten weit zurück in der Zeit und sie hoffte, dass es dieses Mal ein glücklicheres Ende nehmen würde, wie bei dem damaligen im Unwetter geborenen Kind. Der Junge damals hatte dieselben ungewöhnlichen Augen gehabt, wie Catleen.

Mit Gewalt riss die Weise ihre Gedanken aus der Vergangenheit zurück. Nun galt es die Gegenwart zu bezwingen. Und mit Hilfe aller Elfen auf der Elfeninsel würde es gelingen, da war Kaituranja sicher.

Ihr eigenes Haus hatte zum Glück nichts abbekommen und so konnten sie sich nach ihrer Heimkunft behaglich hinsetzen und einen Tee trinken um sich zu beruhigen.

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Friday, January 17th 2014, 7:00pm

Lurandaja wachte am nächsten Morgen auf. In der Nacht hatte sich die Heilerin um die kleine Catleen gekümmert und dafür gesorgt, dass auch die Mutter, die zunächst noch sehr aufgedreht gewesen war, zur Ruhe kam. Dann erst hatte sie das Haus verlassen und war nach Hause gegangen. Das erste, was Lurandaja nach dem Aufstehen machte, war natürlich ein Blick auf die kleine Catleen. Zärtlich ruhten ihre Augen auf dem grünen Haarschopf. Auch ihre eigenen Haare waren ja grün, wenn auch ein etwas anderer Ton.

Du ähnelst mir, meine kleine Süße!“ flüsterte sie glücklich. „Von deinem Vater hast du gar nichts.“ Bevor ihre Gedanken wieder, wie so oft in den letzten Tagen zu dem Elfen abschweifen konnten, den sie verloren hatte, riss sie sich zusammen. „Aber nun werde ich nicht mehr traurig sein, denn nun habe ich dich. Du wirst eine wunderschöne Elfe werden.“ Sie dachte wieder an die Begrüßung, die sie von der Weisen für ihre Tochter gehört hatte. „Und du wirst die Natur lieben.“

Der Gedanke brachte sie zum Nachdenken. Wieso war die Weise die letzte Nacht zu ihr gekommen? Woher hatte sie von der Geburt Catleens gewusst? Sie konnte doch nicht alle Geburtszeiten kennen. Und so genau ließ sich das doch auch nicht vorhersagen. Durch die Schmerzen und dann durch die Geburt war ihr gar nicht so richtig klar gewesen, wie ungewöhnlich das Kommen der alten Elfe gewesen war. Und noch etwas schlich sich in ihre Gedanken. Bisher hatte sie es vermieden darüber nachzudenken. Jede gerade geborene Elfe wurde durch ein Ritual in die Gemeinschaft aufgenommen. Bei diesem Ritual wurde den Eltern des Kindes ein Geistiger Führer oder eine Geistige Führerin zur Seite gestellt. Jemand, den die Eltern selbst auswählten und der ihnen half, das Elfenkind zu erziehen und Fähigkeiten, die es entwickeln mochte zu fördern. Da sie alleine war, wusste sie eigentlich niemanden, der diese Position für Catleen übernehmen könnte. Ob es wohl möglich wäre, Kaituranja darum zu bitten? Einen Moment stockte sie bei dem Gedanken. Wäre das nicht zu vermessen? Wer war sie schon, dass sie so ein Ansinnen an die Weise stellen dürfte? Andererseits war diese von selbst gekommen und hatte bei der Geburt geholfen. Und der Blick, den sie auf Catleen gerichtet hatte, war sehr interessiert gewesen. Sie schluckte heftig. Sanft strich sie über die Haare ihrer Tochter. „Für dich sollte mir das Beste gerade gut genug sein.“ Sagte sie entschlossen. „Ich werde Kaituranja fragen. Mehr als ablehnen kann sie ja nicht.“

Lurandaja machte sich erst mal eine Kleinigkeit zum Frühstück und als sie damit fertig war, erwachte auch Catleen und meldete sich schreiend. Nachdem sie ihre Tochter gestillt und frisch gemacht hatte, wickelte sie sich ein Tuch zurecht, das sie sich umhing und in das sie Catleen so legte, dass sie an ihrem Oberkörper Platz fand. Die Kleine entspannte sich, als sie den gewohnten Herzschlag der Mutter hörte und schlief schnell wieder ein.

Entschlossen wandte sich Lurandaja der Haustür zu. „Ich versuche es!“ machte sie sich selbst Mut, öffnete die Tür und trat hinaus. Die hell scheinende Sonne blendete sie einen Moment. Doch dann blieb sie entsetzt stehen. Um sich herum sah sie nur Verwüstung. Zwar hatte sie in der Nacht das Unwetter gehört, doch durch ihren besonderen Zustand, war ihr verborgen geblieben, wie extrem es doch gewesen war.

Der Boden war übersäht mit abgerissenen Zweigen, Ästen Blättern und Blüten. Die Blumen lagen alle geknickt auf der Wiese. Tiefe Pfützen hatten sich auf den Wegen gebildet.

Behutsam ging sie durch den Ort, der kaum wieder zu erkennen war. Als sie den Dorfplatz erreichte, stockte ihr Schritt erneut. Der riesige Eichenbaum, der seit vielen Hundert Jahren diesen Ort geziert hatte, war genau auf den Brunnen mit den alten Elfenfürsten gefallen und hatte die Statuen zerschmettert. Die Erinnerungen an ihre eigene Kindheit kamen in ihr hoch. Wie oft hatte sie mit ihren Freundinnen an diesem Brunnen gespielt und in dem Wasser herum geplanscht? Und nun lag er in Trümmern. Unwillkürlich drückte sie den warmen Körper Catleens fester an sich. Er gab ihr den Mut weiter zu gehen. Sie musste stark sein für ihre Tochter.

Überall sah sie Elfen, die versuchten den Verwüstungen Herr zu werden und die Insel wieder zu dem zu machen, was sie gestern noch gewesen war. Lurandaja tröstete der Gedanke ungemein, dass bald nichts mehr von den Nachwehen dieser grauenvollen Nacht zu sehen sein würde.

Sie ließ den Blick schweifen und zuckte doch noch mal heftig zusammen. Der etwas kleinere Eichenbaum auf dem Platz war genau in ein Haus gefallen. Es sah furchtbar aus.

Sie wandte sich an einen der Elfen, der die Äste des Baumes zu entfernen versuchte. „Ist hier jemand zu Schaden gekommen?“ wollte sie von ihm wissen.

Der nickte leicht. „Ja, es hat ein paar verletzte Elfen gegeben. Doch zum Glück waren die Heiler rechtzeitig zur Stelle und es haben alle überlebt.“

Lurandaja war erleichtert. „Das freut mich. Wenn man das Haus so sieht, kann man es fast nicht fassen, dass das jemand überlebt hat.“

Ihr Gesprächspartner nickte. „Ja, das habe ich auch gedacht!“ Dann schaute er neugierig auf das Elfenkind, das sie bei sich trug. „Die ist aber noch klein. Wann ist sie denn geboren worden?“

Letzte Nacht!“ antwortete sie.

Der Elfe lachte amüsiert auf. „Nun da ist sie ja heftig begrüßt worden. Diese Nacht wird keiner je vergessen und ihren Geburtstag so auch nicht.“ Meinte er freundlich.

Dem musste sie zustimmen. Sie verabschiedete sich von ihm und ging weiter. Endlich stand sie vor dem Haus der Weisen. Doch nun waren ihr wieder Bedenken gekommen. War es nicht wirklich zu vermessen, um was sie die alte Elfe bitten wollte? Kopfschüttelnd drehte sie sich um, es war wohl besser, wenn sie nach Hause zurück kehrte.



XXX



Kaituranja war in der Nacht nicht mehr wirklich zur Ruhe gekommen. Immer wieder wanderten ihre Gedanken zu dem Unwetter und der Geburt der kleinen Catleen. Sie war so niedlich, die Kleine und doch machte sie ihr Angst. Natürlich nicht im Moment, sondern für die Zukunft. Sie würde am selben Tag noch mal zu Lurandaja gehen und ihre Tochter genauer untersuchen müssen. Der Schatten tief in Catleens Augen ging ihr nicht aus dem Kopf. Außer damals bei dem Jungen hatte sie so was nie wieder gesehen.

Erst gegen Morgen war sie dann eingeschlafen, hatte aber nicht lange schlafen können, dann war sie wieder hoch geschreckt. Nach einem schnellen Frühstück wollte sie gerade das Haus verlassen, als sie jemand davor stehen sah. Erstaunt registrierte sie, dass es Lurandaja war. Doch die schien zu zögern und drehte sich gerade um, wohl um weg zu gehen.

Lurandaja!“ rief sie ihr nach. „Bleibe doch. Ich möchte mit dir reden.“

Wie erstarrt blieb die stehen, drehte sich langsam um und schaute erstaunt auf die Weise.

Die kam ihr entgegen. „Ihr….. ihr möchtet mit mir reden?“ schluckte Lurandaja. „Aber wieso?“

Kaituranjas Blick fiel auf die kleine Catleen. Sie deutete auf das Elfenbaby. „Wegen ihr!“ sagte sie bestimmt. „Komm mit mir in meine Wohnung. Bei einer Tasse Tee können wir besser miteinander sprechen, als hier auf der Straße.“

Sie nahm die Hand der jüngeren Elfe und zog sie mit einer Kraft, die man ihr gar nicht mehr zugetraut hätte mit sich. Die ließ sich das willenlos gefallen. Letztendlich war es doch genau das gewesen, was sie gewollt hatte, wozu sie aber den Mut verloren hatte.

Im Innern des Hauses führte die Weise ihre Besucherin ins Wohnzimmer und deutete auf einen bequemen Sessel. „Nimm Platz, Lurandaja.“

Dem folgte die nur zu gerne. Allmählich war sie auch neugierig, was die Weise von ihr wollte.

Kaituranja sah sie ernst an, während sie sich ihr gegenüber setzte. „Ich wollte dich fragen, wer ihr Vater ist.“ Begann sie.

Erstaunt sah sie, dass Lurandaja den Kopf schüttelte. „Vergebt mir, Weise. Aber ich habe einen heiligen Eid darauf geschworen, das für mich zu behalten. Ich darf darüber nicht reden. Ich kann nur sagen, dass ich ihn sehr geliebt habe. Ja, immer noch liebe.“

Das gefiel der alten Elfe natürlich nicht, aber dagegen konnte sie nichts sagen. Ein heiliger Eid durfte auf keinen Fall gebrochen werden, das war ihr klar. In diese Richtung kam sie also nicht weiter. Also nickte sie leicht. „In Ordnung, das muss ich respektieren. Aber darf ich mir deine Tochter noch mal genauer ansehen?“

Lurandaja nickte, nahm Catleen und reichte sie der Weisen. „Natürlich.“ Dann begann sie zu stottern. „Ich….. ich…“ Irgendwie traute sie sich nicht weiter zu sprechen.

Die alte Elfe nahm Catleen entgegen und schaute erstaunt auf deren Mutter. „Was ist? Möchtest du irgendwas wissen? Nur heraus mit der Sprache. Ich beiße nicht.“

Die schluckte heftig. „Ich …..ich wollte fragen, ob Ihr für Catleen die Geistige Führerin sein wollt. Ich weis nicht, wen ich sonst danach fragen könnte.“ Fügte sie schnell erklärend hinzu.

Erfreut weiteten sich Kaituranjas Augen. Das war ja wunderbar. Als Geistige Führerin konnte sie immer ein Auge auf die kleine, ungewöhnliche Elfe haben und gegensteuern, wenn es etwas geben würde, was nicht gut war. Sie wusste durchaus, dass sie die mächtigste Druidin war, die es momentan auf der Elfeninsel gab. Wenn also jemand einer Gefahr, die aus Catleen erwachsen konnte, Einhalt gebieten konnte, dann sie selbst. Also nickte sie der Mutter bestätigend zu. „Aber gerne. Es ist mir eine Ehre, dass du mich das fragst.“

Die atmete erleichtert auf. Erleichtert und unendlich erfreut. Das hätte sie sich niemals zu träumen gewagt.

Kaituranja versenkte sich inzwischen noch mal tief in die kleine Catleen. Dieses Mal schaute sie nicht nur auf die Gesundheit sondern ging tiefer in den Körper und das Ich des kleinen Elfenbabys. „Eine Druidin!“ flüsterte sie leise, denn sie mit ihrer Erfahrung konnte das jetzt schon erkennen.

Lurandaja nahm diese Neuigkeit mit Freude auf. Sie selbst war ja ebenfalls eine Druidin, doch ihre Heilmagie war im Vergleich zu so manch anderen Druiden eher mittelmäßig. Dennoch hatte sie bei den Menschen als Heilerin gearbeitet und war dort auch geachtet worden.

Die Weise versuchte noch tiefer zu gehen, aber da stellte sich ihr eine Wand entgegen, mit der sie nicht gerechnet hatte. Etwas düsteres, das sie nicht durchdringen konnte. Da sie Catleen nicht schaden wollte, versuchte sie es auch nicht weiter sondern verließ mit ihren druidischen Sinnen den kleinen Körper. Sie wollte der Mutter keine Angst machen, darum erzählte sie ihr nichts von dem, was ihr begegnet war.

Die hatte inzwischen, weil die Untersuchung doch länger gedauert hatte, aus dem Fenster gesehen. Auf die Verwüstungen draußen. Als sie sah, dass die Weise die Untersuchung beendet hatte, sprach sie diese an. „Wie konnte es geschehen, dass es diese Nacht zu diesem entsetzlichen Unwetter gekommen ist?“

Kaituranja legte die kleine Catleen auf die Couch, baute mit ein paar Kissen ein kleines Nest, so dass sie nicht herunterfallen konnte und trat zu Landuranja ans Fenster. Ihr Blick war nach der Frage kurz auf dem Baby verblieben, aber das konnte sie auf keinen Fall sagen. Die Mutter würde sich davon wahnsinnig erschrecken. Also erzählte sie lieber eine alte Geschichte, dir ihr selbst damals erzählt worden war, als das Unwetter in ihrer Kindheit über die Insel kam.

Vor unendlich langen Zeiten lebten die Elfen in einer Siedlung am Festland. Doch dort ging es ihnen nicht gut. Die hohen Götter schließlich entschieden, dass unsere Rasse besser getrennt von den andern Rassen der Welt leben sollten. Sie führten sie zu dieser Insel. Hier war es immer schön. Die Unwetter der restlichen Welt blieben hier ausgeschlossen. Doch man erzählt sich, dass es einen solchen Ort in der Natur nicht geben darf. Es gibt kein Licht ohne Schatten. Und wenn unsere Welt ewig hell ist, musste es auch einen Platz auf der Welt geben, der ewig düster ist. Doch hin und wieder will auch dieser Ort ewiger Dunkelheit das Licht der Welt sehen und dann, wenn dieser Wunsch dort übermächtig wird, kommt es bei uns zu einer einzigen Nacht des Unheils. Dafür ist am Platz der Dunkelheit ein Tag der Helligkeit. Dies ist ein Ausgleich, den die Natur hin und wieder mal schaffen muss.“

Lurandaja hatte zugehört, ohne die Weise zu unterbrechen. „Weis jemand, wo dieser Ort der Dunkelheit ist?“ wollte sie wissen.

Doch die konnte nur die Schultern zucken. „Es gab mal jemand, der diesen Ort suchen wollte. Er ist nie zurückgekehrt. Ob er ihn gefunden hat? Ich weis es nicht.“

Die Mutter Catleens deutete hinaus. „Also wird es eine solche Nacht erst mal nicht mehr geben?“

Nein, ich habe ein einziges Mal in meinem Leben schon mal eine solche Nacht erlebt. Und das ist schon sehr lange her. In meiner eigenen Kindheit.“

Das beruhigte Lurandaja. „Das ist gut. Seitdem ich das zerstörte Haus gesehen habe und von den verletzten gehört habe, habe ich Angst, dass sich so was wiederholen könnte. Ich möchte meine Tochter nicht mit Angst aufziehen müssen, dass ihr so was passieren könnte, wenn sie draußen spielt. Der Brunnen, an dem ich selbst früher gespielt habe, ist ebenfalls völlig zerstört.“

Kaituranja wehrte lächelnd ab. „Nein, darum brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Überlege mal. Außer mir, weis niemand davon, dass es einen solchen Sturm überhaupt schon mal gegeben hat. Das sagt doch nur zu deutlich aus, wie selten es zu so einer Nacht kommen kann.“ Dann änderte sie das Thema. „Wann soll denn das Ritual stattfinden, das deine Tochter endgültig in unsern Kreis aufnimmt und ich ihre Geistige Führerin werde?“

Die zuckte die Schultern. „Ich habe noch nicht darüber nachgedacht. Schließlich war letzte Nacht erst die Geburt und ich wusste bisher überhaupt noch nicht, wer bereit sein würde, diese Position einzunehmen.“

Die Weise nickte. Sie wusste, dass Landurjana alleine stand, keine Verwandten hatte. „Ich würde vorschlagen, so bald wie möglich. Warum sollten wir das noch lange hinauszögern?“ Der Vorschlag war nicht ganz uneigennützig. Die dunkle Wand in Catleen hatte sie beunruhigt und sie wollte die kleine Druidin lieber unter ihrer Kontrolle haben.

Von diesen Gedanken ahnte die Mutter der Kleinen natürlich nichts und stimmte begeistert zu. Auch sie war froh, wenn das Ritual vorbei war. Ganz leise hatte sie nämlich die Sorge gehabt, dass die andern Elfen ihre Kleine nicht in ihren Kreis aufnehmen würden, weil sie nicht über den Vater redete. Und vielleicht hätte es auch Probleme gegeben. Doch jetzt, da die Weise mit ihr an einem Strang zog, brauchte sie sich diese Sorgen nicht mehr zu machen. Niemand würde es wagen, der zu widersprechen.

Kaituranja klingelte nach Drastullaria und trug der auf, alles in die Wege zu leiten, damit das Ritual schnellstmöglich begangen werden konnte.

Landurjana begann sich richtig wohl zu fühlen, irgendwie als wäre sie ebenfalls in die Familie der Weisen aufgenommen worden und damit, dass diese die Geistige Führerin von Catleen werden würde, stimmte es in einem gewissen Sinne auch. Es würde ihr Ansehen bei den übrigen Elfen steigern. Doch ihr war es nur wichtig, dass sie sich angenommen fühlte. Ihr Blick wandte sich der schlafenden Catleen zu. „Sie ist wunderschön!“ flüsterte sie und Kaituranja nickte dazu. „Ja, das ist sie. Ein niedliches kleines Druidenmädchen, dem die Welt offen stehen wird.“ Flüsterte sie genauso leise zurück.

In ihrem Innern aber dachte sie darüber nach, welche Welt das wohl sein würde. Das würde erst die Zukunft zeigen.




Die Zeremonie



Es dauerte dann doch ein wenig, bis alle Vorbereitungen abgeschlossen waren und das lag hauptsächlich an Kaituranja. Sie bevorzugte einen ganz bestimmten Zeremonienmeister und bestand darauf, dass dieser das Ritual durchführen sollte. Landurjana fand das zwar etwas ungewöhnlich, aber sie war so glücklich darüber, dass die Weise sich dazu bereit erklärt hatte diese Stellung für ihre Tochter zu übernehmen, als dass sie etwas dagegen einwenden würde.

Der Zeremonienmeister Krustanne war ein fähiger, noch recht junger Elfe, den es auch öfter ans Festland trieb. Ihm war es auf der Elfeninsel einfach noch zu langweilig, da hier alles in geregelten Bahnen ablief. Ihm erschien es oft zu sehr geregelt, aber ganz auf das friedliche Miteinander auf dem Eiland wollte er auch nicht verzichten. So führte er ein Leben, das ihn zwischen den beiden Extremen hin und her führte. Er war auch durchaus den Umgang mit Gefahren gewöhnt und war einer der Druiden, die sich zusätzlich zu den gewöhnlichen Erdzaubern der Druiden den Umgang mit Feuer und Blitz nahe gebracht hatte. Die Magier der Elfeninsel hatten ihn darin unterwiesen. Natürlich konnte er es ihnen nicht gleichtun, aber es half ihm Gefahren zu überstehen, die es am Festland bei den Menschen in nicht geringem Ausmaße nun mal gab. Er war ein hoch gewachsener Elfe mit markanten Gesichtszügen, weißen, langen Haaren, die mit einem goldenen Reif gehalten wurden. Außerdem trug er am liebsten eine dunkelblaue Robe, die mit gelben Blitzen verziert war.

Er war sehr erstaunt, als ihn nach seiner diesmaligen Rückkehr auf die Insel die Weise Kaituranja aufgesucht hatte. Und noch überraschter war er über ihr Ansinnen. Sie, die schon seit über 10 Jahren keinen Schützling mehr angenommen hatte wegen ihres Alters, wollte noch einmal die Geistige Führerin eines Babys werden. Das alleine wäre schon Überraschung genug gewesen, aber dann bestand sie auch noch auf ihn als Zeremonienmeister. Es gab durchaus ältere und würdigere Elfen, die diese Berufung hatten, aber sie schien sich sicher zu sein, dass er der geeignete Kandidat war. Ihm war es unmöglich dieses Ansinnen abzulehnen, denn sie war auch seine eigene Geistige Führerin gewesen, oder besser gesagt, sie war es immer noch. Er verehrte sie sehr und empfand sie als geistig mobiler, wie so manche junge Elfe. Obwohl sie nicht groß gewachsen war, sondern eher etwas untersetzt, strahlte sie eine Autorität aus, die ihresgleichen suchte. Sie erschien einem deutlich größer als sie wirklich war und ihr Wesen strahlte eine Verbindung zu den Geheimnissen der Natur aus, wie man sie bei keinem andern Elfen finden konnte. Aber obwohl sie Heilerin war, trug sie fast immer einen Bogen auf dem Rücken geschnallt mit sich herum. Es hieß, dass sie eine ausgezeichnete Schützin sein sollte. Doch das war etwas, was die meisten nur noch vom Hörensagen wussten. Er selbst hatte sie allerdings in seiner Kindheit noch damit auf Zielscheiben schießen gesehen und wusste nur zu gut, dass die Gerüchte stimmten.

Die kleine Elfe heißt also Catleen?“ fragte er erstaunt Kaituranja. „Ein seltsamer Name!“

Sie lächelte zustimmend. „Ja, das finde ich auch. Aber Lurandaja wird schon ihre Gründe für diese ungewöhnliche Namenswahl haben. Vielleicht hängt es ja auch mit dem Vater zusammen, über den sie allerdings nicht reden darf, da sie einen heiligen Eid darauf geschworen hat, nicht darüber zu reden.“

Der Zeremonienmeister zog die Augenbrauen hoch. „Das ist allerdings noch ungewöhnlicher, aber darüber haben wir nicht zu urteilen. Die Kleine ist die Tochter einer Elfe und damit gehört ihr natürlich ein Platz in unserer Gemeinschaft.“

Kaituranja nickte zustimmend. „Das finde ich auch. Doch du weist, dass einige Zeremonienmeister das anders sehen. Sie nehmen nur Elfen auf, bei denen Vater und Mutter bekannt sind.“

Krustanno seufzte leise auf. „Das mag früher eine sinnvolle Regelung gewesen sein, als die meisten Elfen auf der Insel blieben, damit keine zu nahe Verwandtschaft zwischen den Eltern bestand, doch heutzutage ist diese alte Regel hinfällig, finde ich.“ Dann lächelte er neugierig. „Ist das der Grund, wieso du ausgerechnet mich haben willst?“

So ist es!“ schmunzelte die Weise, doch sie selbst wusste nur zu gut, dass es nur die halbe Wahrheit war. Aber darüber würde sie jetzt nicht reden. Vielleicht, wenn es nicht nötig sein sollte, würde es nie dazu kommen.

Wo vereinbarten sie einen Termin, aber weil sie sich so lange nicht gesehen hatten, verbrachten sie danach noch ein paar schöne Stunden miteinander. Die Gespräche drehten sich vor allem um seine Reisen und allem möglichen, was er in der Menschenwelt gesehen hatte. Die Weise wurde nicht müde, ihm zuzuhören.

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Friday, January 17th 2014, 8:01pm

Der Tag der Aufnahmezeremonie der kleine Catleen war schön wie jeder Tag auf der Elfeninsel. Die Bewohner hatten inzwischen alles beseitigt, was auf das Unwetter hinwies. Nur die beiden großen Eichen auf dem Stadtplatz, die entwurzelt worden waren, fehlten jetzt im Stadtbild und die Elfen gewöhnten sich nur langsam an ihr Fehlen. Der Brunnen war inzwischen repariert worden und leise murmelnd gluckerte das Wasser wieder in ihm. Auch spielten wieder Kinder in ihm und so war er nach wie vor ein großer Anziehungspunkt für die kleinen Elfenkinder.

Die Sonne schien warm vom Himmel und tauchte alles in ein helles Licht. Landurjana hatte ihrer kleinen Tochter ein grünes Zeremonienkleidchen angezogen, in dem Catleen noch niedlicher aussah als sonst. Grün war die Farbe der Natur, darum wählten sie die meisten Elfen für das Ritual aus. Dass die kleine Elfe zudem noch grünes Haar hatte, könnte etwas eintönig wirken. Um das etwas aufzufrischen hatte die Mutter ihr eine schöne rote Blüte in die Frisur eingeflochten. Es sah wunderschön aus, fand Landurjana und niemand dachte was anderes, wenn er einen Blick auf die kleine Catleen werfen konnte.

Eigentlich dauerte die Zeremonie nicht lange, aber dennoch war sie der erste wichtige Punkt im Leben eines Elfen. Die Eltern verpflichteten sich in ihr dem Baby alles beizubringen, was es über die Natur und die Stellung der Elfen darin wissen musste. Aber auch die Gemeinschaft erhielt dabei Pflichten. Nämlich diejenige, die Eltern dabei zu unterstützen. Darum war die Zeremonie öffentlich. Jeder, der wollte, konnte daran teilnehmen. Und danach gab es ein großes Fest. Meist kamen zum Ritual selbst die Eltern der Elfen, die ebenfalls kürzlich geboren worden waren, damit die Erziehungsberechtigten sich gegenseitig kennen lernen konnten und so auch wenn nötig helfend einschreiten konnten. Kinder waren hingegen selten zugegen. Sie gingen gleich zum Fest und vergnügten sich dort lieber sofort, da der Ablauf der Zeremonie für sie nur langweilig gewesen wäre.

Als Landurjana den Tempel mit Catleen betrat, standen die andern Eltern schon in ihm und erwarteten sie. Das war völlig normal. Es hatte symbolhaften Charakter. Die kleine Elfe kam so von außen und wurde von allen erwartet und von der Gemeinschaft umfangen. Der Zeremonienmeister und die zukünftige Geistige Führerin erwarteten sie am Altar in der Mitte des Tempels.

Langsam, sich der Bedeutung des Augenblicks mehr als bewusst, durchschritt Catleens Mutter den großen Raum. Die anwesenden Elfen bildeten einen Gang, durch den sie gehen konnte. Der Tempel war das größte und schönste Gebäude im Ort. Wundervolle Malereien zierten die Wände. Szenen, die oft tanzende Elfen im Wald zeigten und ähnliches. Die Fenster bestanden alle aus buntem Glas, das dem eindringenden Licht ein einzigartiges Farbenspiel bescherte. Aus Stein gehauene Statuen standen an den Wänden, die so lebensecht erschienen, dass man glaubte, sie würden ihre Plätze im nächsten Moment verlassen und sich zu den Anwesenden gesellen.

Die Weise begann leise ein Lied zu singen, das alle kannten und so klang es bald durch den Tempel: „Mutter Natur – wir loben dich, wir preisen deine Stärke. Vor dir neigt die Erde sich. Wie du warst vor langer Zeit, so bleibst du in Ewigkeit…….“

Mehrere Strophen hatte das Lied und sie wurden zu ehren der Natur alle gesungen. Als Landurjana den Altar erreicht hatte, an dem der Zeremonienmeister und Kaituranja standen, legte sie Catleen der Weisen in die Arme. Die nahm sie zärtlich entgegen und hob sie vorsichtig auf den Altar, auf den sie es legte. Nachdem die letzten Töne des Liedes verklungen waren, war es muchsmäuschenstill im Tempel.

Catlenn schaute sich mit großen Augen um und als Krustanno, der heute ein herrliches buntes Gewandt angezogen hatte, die Hand auf ihren Kopf legte, grabschte die nach einer der Blumenranken, die er sich umgebunden hatte um die Natur zu ehren. Alle schmunzelten. Das wurde als gutes Zeichen angesehen, weil man davon ausging, dass eine kleine Elfe, die das tat so schon die Natur ehrte.

Dann begann der Zeremonienmeister mit seinem Gebet an die Mutter Natur. Es wurde in einer uralten Sprache gebetet, die außer einigen Auserwählten niemand mehr kannte. Dieses Gebet war so kraftvoll, dass es Krustanno in eine tiefe Trance versetzte, einen Zustand, indem er die Verknüpfung des jungen Elfenkindes mit der Natur unglaublich stark wahrnahm, ja sogar sehen konnte. Vor seinem inneren Auge erschien ein goldenes Band. Golden – das bedeutete, dass die kleine Catleen eine Druidin war. Jede Klasse der Elfen hatte eine eigene Farbe. Wobei es natürlich nicht wirklich eine Farbe war. Aber es erschien dem Leiter des Rituals so.

Magier hatten ein blaues Band, Kundschafter waren silbern, Bewahrer grün, Krieger Lila und Schurken ein dunkles Grau.

Dann gab es noch die Zweitfarbe. Die war oft mehr als undeutlich. Äußerte sich in kleinen Strichen in der Hauptfarbe.

Interessiert konzentrierte Krustanno sich, wollte diese Zweite Farbe in der kleinen Druidin entdecken. Er tauchte in das Band ein und fuhr erschrocken zurück. Das konnte nicht sein. Die zweite Farbe äußerte sich nicht nur in kleinen Strichen, sondern in dicken Balken. Und sie war schwarz. Düster und dunkel leuchtete es ihm entgegen und dann geschah etwas absolut ungewöhnliches. Die dunklen Balken schossen ihm entgegen. Griffen ihn an, als wäre er ein Eindringling, den es zu vernichten galt.


Alle Anwesenden des Rituals standen in einem Abstand um den Altar. Der Zeremonienmeister hatte sich tief in die Kleine versenkt, da ertönte plötzlich ein dunkles Grollen. Der Himmel verdunkelte sich. Das Farbenspiel, das in den Tempel fiel, wurde düster. Ein mächtiger Blitzschlag durchzuckte den Raum. Alle schrieen entsetzt auf.

Die Weise zuckte zusammen. „Was? Was ist das?“ Dann warf sie einen Blick auf den in Trance dastehenden Krustanno. Er musste auf etwas gestoßen sein im innern Catleens. „Der Schatten?“ murmelte sie fragend. Sie sah nur eine Möglichkeit, sie musste dem Zeremonienmeister in seine Trance folgen. Sie war eine der wenigen, die es konnte. Sie musste schnell handeln. Die Welt um sie versank und sie tauchte in den Geist des Kindes ein.


Krustanno war nicht hilflos. Er bündelte seine Energie und wollte sie gegen die Balken schicken. Doch da spürte er die Berührung eines andern Geistes. „Nein!“ hörte er. „Tu es nicht. Es ist nur ein Kind.“

Ohne sich geistig umzuschauen wusste er, dass Kaituranja ihm gefolgt war. “Aber…. es ist eine Gefahr.“

Die Weise riss ihn geistig einfach etwas zurück und die angreifenden Balken zogen sich zurück.

Nein, nicht wirklich. Jedenfalls noch nicht. Momentan verteidigt es sich nur. Wir sind Fremde hier und haben hier nichts zu suchen.“

Der Elfe überlegte kurz. „Du weist mehr, Kaituranja.“ Es war keine Frage sondern eine Feststellung.

Sie wehrte ab. „Ich weis nicht wirklich mehr. Das hier….“ Ihr geistiger Finger deutete auf den goldenen Balken mit den schwarzen, düsteren Balken „… ist auch für mich Neuland. So was habe ich noch nie gesehen. Aber ich kannte jemanden, der denselben Schatten in den Augen hatte, wie Catleen. Er war nicht wirklich böse. Dennoch kam es zu einem entsetzlichen Ende. Weil ein schlimmer Fehler gemacht wurde. Bitte, mache du nicht denselben Fehler, der damals so schlimme Folgen hatte.“

Aber was soll ich tun?“ Er verehrte sie und war bereit auf sie zu hören, denn sie hatte eindeutig das größere Wissen.

Bringe das Ritual ganz normal zu Ende. Und dann lass uns feiern, wie es bei jeder Neueingliederung eines Kindes in unsere Gemeinschaft üblich ist. Behalte das Geschehen hier für dich, ich bitte dich.“

Es fiel Krustanno nicht einfach, doch er vertraute ihr. „In Ordnung. Ich werde es tun. Aber ich möchte spätestens Morgen hören, was damals geschehen ist. Und ich hoffe, ich mache hier mit Catleen keinen Fehler.“

Sie sandte ihm ihre Zustimmung. „Ja, du sollst es erfahren. Und du hast nicht unrecht, Catleen könnte eine Gefahr werden. Doch sie muss es nicht.“

Darum wolltest du in deinem Alter ihre Geistige Führerin werden und es ist auch der Grund, wieso du mich als Zeremonienmeister wolltest.“ Schloss er haarscharf.

Das ist richtig, Aber lass uns jetzt das Ritual beenden. Alles andere erkläre ich dir später. Ich verspreche es dir.“

Er antwortete nicht mehr, sondern konzentrierte sich auf die Weiterführung des Rituals.


Das Verdunkeln des Himmels war so schnell verschwunden, wie es aufgetaucht war. Nun strahlten wieder die Sonnenstrahlen durch die Fenster und tauchten alles in das gewohnte Licht. Die eben noch zitternden Elfen beruhigten sich schnell. Schließlich hatten sie erst kürzlich viel schlimmere Wetterkapriolen überlebt. Und so schlimm war es dieses mal nicht gewesen. Krustanno erwachte aus seiner Trance und führte sie weiter durch die Zeremonie.

Damit seit Ihr, Kaituranja die Geistige Führerin Catleens“ kamen schließlich die abschließenden Worte. „Und nun geht alle und feiert unser neuestes Mitglied in der Gemeinschaft.“

Alle strömten aus dem Tempel. Auch Krustanno und Kaituranja folgten langsam nach. Kurz hielt sie ihn am Ärmel fest. „Du hast super reagiert. Jemand, der vor lauter Erschrecken und Angst die Kontrolle über sich verloren hätte, wäre eine Katastrophe gewesen.“ Murmelte sie ihm zu.

Er wehrte ab. „ Vergessen wir das jetzt. Auf diesen Schrecken kann ich ein wenig Met gebrauchen. Und etwas Kräftiges zu essen.“

Sie lachte. „In Ordnung, das hast du dir auch verdient.“ Sie hörte in ihr Innerstes. Auch ihr Magen knurrte. Sich in diese tiefe Trance zu versetzen machte regelmäßig Hunger. Da war das Fest genau das Richtige. Die Weise hing sich bei ihm ein. Niemand kam auf die Idee, dass irgendwas nicht stimmen würde. Und das war auch genau das, was Kaituranja vermitteln wollte. Alles war ganz normal. Catleen wurde nicht als etwas Besonderes angesehen und so sollte es bleiben. Die Weise war sicher, dass es das Beste war, um die Gefahr in dem Elfenkind unter Kontrolle zu halten. Und sie war sicher, dass es der Zeremonienmeister neben ihr genauso sehen würde.


XXX



Krustanno blieb lange auf dem Fest. Er kehrte erst am frühen Morgen heim und fiel dann todmüde ins Bett und erwachte dann erst gegen Mittag. Sofort dachte er an die kleine Catleen und an sein eigenartiges Erlebnis in ihrem Geist. Er aß eine Kleinigkeit, dann machte er sich auf den Weg zu Kaituranja. Unterwegs hörte er das erste Mal von dem Unwetter, das über die Insel gezogen war. Er war ja gar nicht da gewesen und als er kam, waren die Aufräumarbeiten schon praktisch fertig gewesen. Auch wollte irgendwie keiner darüber reden. Alle hofften, es schnell vergessen zu können. Er nahm sich vor, Kaituranja darauf anzusprechen. Er wollte wissen, was genau passiert war und die Weise war eine Person, die nichts dramatisieren würde, dessen war er sicher. Nun erst fiel ihm auf, dass auf dem Hauptplatz zwei Eichen fehlten. Er erinnerte sich daran, dass sie geradezu gewaltig gewesen waren und er sich in seiner Kindheit mit Vorliebe in ihren Ästen aufgehalten hatte.

Das Unwetter muss wirklich gewaltig gewesen sein.“ Murmelte er irritiert vor sich hin. Klar kannte er schlechtes Wetter, schließlich war er immer wieder in der Menschenwelt unterwegs und dort war es nichts Ungewöhnliches.

Endlich erreichte er das Haus der Weisen, ging zur Tür und klopfte an. Drastullaria, die Helferin Kaituranjas öffnete die Tür und winkte ihn herein.

Sie erwartet dich schon, Krustanno.“ Nickte sie und führte ihn ins Wohnzimmer. Dort saß die Weise und lächelte ihn freundlich an.

Du bist spät dran, Krustanno. Ich habe dich viel früher erwartet. Oder bist du nicht neugierig?“

Er lachte leise auf. „Doch, bin ich. Aber ich war ziemlich müde und habe lange geschlafen. Und dann habe ich auf dem Weg hierher von dem Unwetter erfahren. Wieso hast du mir das nicht an dem Tag erzählt, als ich wieder kam?“

Kaituranja seufzte leicht. Sie zögerte kurz, antwortete dann aber wahrheitsgemäß „Weil dieses Unwetter mit Catleen zu tun hat.“ Sagte die Weise leise.

Der junge Zeremonienmeister zuckte heftig zusammen. „Was? Wie meinst du das?“

Sie schluckte heftig. „Wie es genau zusammenhängt weis ich auch nicht. Aber Tatsache ist, dass dieses Unwetter in der Nacht war, in der Catleen geboren wurde. Und als du gestern zu tief in ihr Inneres eingedrungen bist, hat sich der Himmel wieder verdüstert.“ Kaituranja sah ihn ernst an. „Darum bin ich dir überhaupt in die Trance gefolgt.“

Er presste die Lippen zusammen. „Die dunklen Balken in ihrem Gold und das Wetter hängen zusammen?“

Die Weise zuckte die Schultern. „Es muss so sein.“ Sie deutete auf den Tisch, auf dem ein paar Plätzchen in einer Schale lagen. „Greif zu.“

Ohne darüber nachzudenken, was er tat, nahm er ein paar Kekse und aß. Seine Gedanken weilten immer noch, bei dem, was sie gesagt hatte. „Aber du hat in der Trance was davon erzählt, dass es so was schon mal bei jemandem gegeben hat.“

Kaituranja nickte. „Ja, das stimmt. Aber ich habe damals nicht alles mitbekommen. Ich war noch viel zu jung, selbst erst ein paar Jahre alt. Ich erinnere mich an ein entsetzliches Unwetter. Wir hatten wahnsinnige Angst Und in der Nacht wurde auch ein Kind geboren. Ein Junge. Sein Name war Kontiaco.“ Sie schluckte. „Er war später mein bester Freund, aber außer mir wollte niemand was mit ihm zu tun haben. Sie hatten alle Angst vor ihm. Und los ging das bei seiner Aufnahmezeremonie. Davor hatte damals keiner geahnt, dass die Wetterkapriolen was mit seiner Geburt zu tun haben könnten. Aber dabei wurde es klar. Und der Zeremonienmeister hat sich damals wohl nicht rechtzeitig zurückgezogen.“ Sie seufzte schwer. „Und er war kein Kämpfer sondern ein reiner Healer. Er konnte sich gegen das Dunkle in Kontiaco nicht verteidigen und starb.“

Krustanno sprang entsetzt auf und starrte sie entsetzt an. Sie erwiderte seinen Blick ruhig. Da endlich verstand er sie völlig. „Das war der zweite Grund, warum du ausgerechnet mich als Zeremonienmeister haben wolltest? Die andern hätten sich von dir vielleicht nicht zurückhalten lassen und hätten weiter geforscht. Und da sie auch eher Heiler sind, wären sie auch schutzlos dem Dunkel in der kleinen Catleen ausgeliefert gewesen.“

Sie beugte sich vor und legte ihm sanft die Hand auf den Arm und antwortete gelassen. „Ja, ich hoffte, dass es nicht zu Problemen käme, denn wie gesagt, was damals genau geschehen ist, weis ich nicht. Ich war ja nicht dabei und habe davon nur später gehört, als ich nachgeforscht habe. In wie weit ich diesen Informationen glauben durfte, wusste ich nicht. Und da der Zeremonienmeister damals nicht überlebt hat, wusste auch kein anderer, was er im Innern Kontiacos entdeckt hatte.“

Was ist damals weiter geschehen?“ Wollte Krustanno wissen.

Ihre Augen blickten in unglaubliche Weiten. „ Es war entsetzlich für den Jungen und seine Angehörigen. Seine Eltern sind zu Einsiedlern geworden, weil niemand mehr was mit ihnen zu tun haben wollte. Sie zogen in eine einsame Hütte im Wald und zogen ihren Sohn alleine groß. Sie wurden wie Aussätzige behandelt. Und in diesem Wald bin ich ihm dann begegnet.“

Ihre Gedanken eilten zurück und sie sah alles, was damals geschah wieder vor ihrem Inneren Auge.

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4

Friday, January 17th 2014, 9:06pm

Kaituranja war inzwischen 14 Jahre alt und ein richtiger Wirbelwind. Aber selbst in ihren jungen Jahren war schon klar, dass sie eine außergewöhnlich gute Heilerin war. Zusätzlich schoss sie gerne mit ihrem kleinen Bogen, den ihr ein Lehrmeister der Kundschafter gegeben hatte. Außerdem liebte sie die Natur, wie jede Elfe. Es machte ihr Freude, stundenlang durch die einsamen Bereiche ihrer Heimatinsel zu streifen. Ihre Eltern ließen sie gewähren, denn was sollte auf der Elfeninsel schon schlimmes passieren? An das Unwetter vor fast 11 Jahren wollte sich keiner mehr erinnern und seit der junge Kontiaco und seine Eltern aus der Siedlung verwiesen worden waren, hatte es auch keinerlei Unregelmäßigkeiten mehr gegeben. Das Wetter war immer gleich schön.

Die junge Elfe lief zu ihrem Lieblingsplatz, einem Waldsee. Dort saß sie mit Vorliebe auf einem Stein, der am Ufer lag und schaute träumerisch über das Wasser. Das Tageslicht glitzerte in allen Farben des Regenbogens auf der Oberfläche des Sees. Fische sprangen manchmal aus dem Wasser und Vögel flogen darüber hinweg. Es war wirklich ein Bild des Friedens. Wie immer genoss sie die Schönheit der Natur, die sich ihr hier darbot.

Plötzlich wurde es laut, etwas störte die Ruhe. Kaituranja fuhr herum und sah einen Jungen durch den Wald stolpern. Er trug einen großen Eimer. Er schaute mindestens genauso erstaunt auf sie, wie sie ihn anblickte.

Wer bist du?“ wollte die junge Druidin wissen.

Er trat mit dem Eimer an den See und schöpfte mit ihm Wasser.

Ich heiße Kontiaco!“ brummte er unfreundlich.

Kaituranja konnte mit dem Namen nichts anfangen. „Ich kenne dich nicht. Wohnst du nicht im Elfendorf?“

Nein!“ knurrte er. „Die wollten mich nicht.“ Es klang sehr bitter. „Darum wohnen wir im Wald.“ Er schleifte den Eimer mit dem Wasser über den Boden. Offensichtlich war er zu schwer für den Jungen, der noch jünger als sie selbst war.

Schnell sprang sie auf und griff nach dem Henkel. Der Eimer war wirklich schwer. „Ich helfe dir.“ Sie fragte nicht wohin, sondern ging mit ihm zusammen einfach los. Es war nicht sehr weit, dennoch hatte selbst Kaituranja, die ja oft im Wald war, hier keine Hütte erwartet. Und doch war da eine. Der Junge schaute sie fragend an. „Wer bist du?“ Seine Stimme klang schon freundlicher, als vorher. Dass sie ihm so einfach half, ohne irgendwelche Scheu vor ihm, machte ihn zutraulicher.

Sie lächelte ihn freundlich an. „Ich bin Kaituranja.“

Er nickte nur. Dann deutete er auf die Tür. „Du bleibst besser hier. Meine Eltern sind krank und du könntest dich anstecken.“ Erklärte er ihr.

Sie schaute ihn erstaunt an. „Krank? Was haben sie denn?“

Kontiaco seufzte auf. „Ich habe keine Ahnung. Ich bin ein schlechter Heiler. Mutter kann es viel besser, aber sich selbst heilen geht einfach nicht, da sie viel zu schwach ist.“

Die junge Elfe reckte sich um größer zu wirken, aber sie war nicht wirklich groß. „Ich kann eigentlich recht gut heilen. Vielleicht kann ich helfen.“

Er schaute sie erstaunt an. „Du bist eine Druidin?“

Sie nickte. „Ja, bin ich.“ Sie schaute ihn ernst an. „Du doch auch.“

Schon!“ schluckte er. „Aber ich weis nicht wieso, das Heilen fällt mir ziemlich schwer, obwohl Mutter alles versucht hat, es mir beizubringen.“

Kaituranja winkte lächelnd ab. „Ist doch egal, jetzt ist nur wichtig, dass ich vielleicht helfen kann.“ Sie ließ den Wassereimer langsam sinken. Er stellte ihn auch ab und ging zur Tür.

Komm!“ bat er sie und hatte es plötzlich sehr eilig. Schnell riss er die Tür auf. „Papa, Mama, ich habe jemanden im Wald gefunden, der helfen kann.“ Rief er und schob Kaituranja in die Hütte.

Die war einen Moment von der Düsternis im Innern überrascht. Ihre Augen mussten sich erst daran gewöhnen, doch dann sah sie ein großes Bett in dem zwei erwachsene Elfen lagen und ziemlich schwach aussahen. Sie trat zu dem Lager und wollte sich über den ihr am nächsten liegenden Kranken beugen. Es war ein Elfenmann. Doch der wehrte hustend ab. „Erst meine Frau. Sie ist Druidin!“

Kaituranja verstand. Wenn sie es schaffte die Frau zu heilen konnten sie sich zu zweit um den Mann kümmern. Also nickte sie, ging ums Bett herum und legte ihre rechte Hand auf die Stirn der Kranken. Sie war glühend heiß. Sie wandte sich an Kontiaco. „Bringe mir einen Lappen, getränkt mit dem Wasser aus dem See.“

Der tat schnell, worum sie ihn gebeten hatte. Sie legte den nassen Lappen auf die Stirn der Elfe und konzentrierte sich dann. Kaituranja versuchte sich an alles zu erinnern, was ihre Lehrmeister ihr beigebracht hatten. Am liebsten hätte sie die jetzt hier gehabt. Aber ihr war klar, dass selbst, wenn sie die herholen könnte, es einfach zu lange dauern würde. Nein. Sie musste es alleine schaffen. Ihre Heilmagie begann sich in dem angegriffenen Körper voran zu tasten. Das erste Mal glitt Kaituranja in eine Heiltrance. Ihre Lehrer hatten ihr immer wieder gesagt, dass es dazu kommen konnte, wenn man sich ganz tief in einen Kranken versetzte. Nur darum erschrak sie nicht sondern ließ es zu, dass sie ganz in der Heilung aufging.

Kontiaco wusste, dass er ein schlechter Heiler war. Aber dennoch konnte er helfen. Auch er versuchte seine schwachen Heilkräfte zur Unterstützung auf seine Mutter zu wirken. Es war nicht viel, was er tun konnte, aber seine Hilfe wurde von Kaituranja dankend akzeptiert. Es war schwer, sehr schwer. Die Krankheit saß tief und ließ sich nur schwer lösen. Sie stieß fast an ihre Grenzen. Einem ausgebildeten Healer wäre es mit Sicherheit leichter gefallen, aber sie stand erst am ganz am Anfang ihrer Ausbildung. Doch sie gab einfach nicht auf. Fehlendes Training ersetzte sie mit Stärke. Sie verbrauchte logischerweise viel mehr Kraft, als es nötig gewesen wäre, wenn sie die Heilung besser steuern könnte. Aber das war ihr egal. Ihr war es nur wichtig, dass sie es schaffte. Es dauerte lange, für ihr Zeitverständnis ewig, bis sie eine kleine Besserung fühlte. Es war nicht viel, aber es spornte sie an, noch mehr Energie einzusetzen.

Dann, irgendwann, spürte sie, dass sie es geschafft hatte. Die Frau würde leben. Sie sank völlig erschöpft und kraftlos über ihrem Bett zusammen und fiel in einen tiefen Erschöpfungsschlaf.


XXX



Kaituranja tauchte aus ihren Erinnerungen auf. Jetzt erst merkte sie, dass sie alles, was sie vor ihrem inneren Auge gesehen hatte, laut erzählt hatte.

Krustanno sah sie mit einem anerkennenden Blick an. „Noch kaum ausgebildet hast du es geschafft eine so kranke Elfe zu heilen?“

Die Weise nickte. „Ja, aber es war unglaublich hart.“ Sie lächelte. „Doch es war ein wahnsinnig gutes Gefühl. Danach wusste ich, dass dies meine Bestimmung war. Ich konnte mir nichts Schöneres für mich vorstellen.“

Er nickte. „Wie ging es weiter mit Kontiaco und seinen Eltern?“ Es war logisch, durch die Vergangenheit konnte man ja lernen, wie man mit der kleinen Catleen umgehen musste. „Wenn ich deine Erzählung so höre, kann ich mir kaum vorstellen, dass er eine Gefahr für jemanden war. Er hat sich einfach nur Sorgen um seine Eltern gemacht und die geliebt. Also ein ganz normales Elfenkind.“

Kaituranja lächelte traurig. „Ja, für mich war er das. Und er wäre auch keine Gefahr für irgendjemanden geworden, wenn er und seine Eltern einfach in Ruhe gelassen worden wären. Aber Angst bringt manchmal die schlimmsten Sachen zum Vorschein. Angst und Wut.“ Ihre Gedanken eilten wieder in die Vergangenheit zurück. „ Aber erst mal wurden wir richtig gute Freunde!“

Wieder ging ihr Blick ins Leere und die Vorgänge von damals entstanden vor ihren Augen.



XXX



Als sie erwachte, fühlte sie sich, als habe sie einen schweren Eimer kilometerweit geschleppt. Total schlapp. Langsam hob sie die Augenlieder. Sie lag im Bett. Davor stand die Druidin, die sie geheilt hatte. Sie lächelte sie freundlich an.

Das hast du sehr gut gemacht. Du hast mich soweit geheilt, dass ich den Rest selbst machen konnte. Und das in deinem jungen Alter. Dir steht eine große Zukunft bevor.“

Kaituranja lächelte glücklich. „Und wie geht es ihrem Mann?“

Da trat von der andern Seite des Bettes jemand an sie heran. Es war der Elfenmann „Noch ein wenig wackelig auf den Beinen. Aber es geht schon. Und das verdanken wir dir.“

Kaituranja winkte ab. „Ach was. Das hätte jeder getan.“ Sie fühlte sich jetzt schnell besser. Alleine er Gedanke, dass sie wirklich hatte helfen können, gab ihr neue Kraft.

Der Elf vor ihr schüttelte den Kopf. „Da bin ich mir leider gar nicht sicher. Die Elfen mögen uns nicht. Darum leben wir ja hier.“ Tiefe Trauer sprach aus seinen Worten.

Die junge Heilerin sah ihn erstaunt an. „Aber wieso denn das? Meine Lehrmeister sagen, dass alle Elfen gleich sind.“

Ihr Gegenüber lachte bitter auf. „Ja, das sagen sie. Aber sie handeln nicht danach. Sonst würden wir nicht hier im Wald leben müssen, sondern im Dorf, wie alle andern.“

Kaituranja sah in entsetzt an. „Kontiaco hat schon so was gesagt. Aber ich dachte, er würde übertreiben.“

Die beiden Erwachsenen schüttelten den Kopf. „Leider nicht.“

Aber wieso? Was ist geschehen?“ Sie war fassungslos.

Bei der Aufnahmezeremonie Kontiacos ist etwas Furchtbares passiert. Der Zeremonienleiter ist dabei gestorben und sie werfen es unserm Sohn vor. Aber er ist ein ganz normaler Junge, der uns liebt, wie jedes Elfenkind seine Eltern lieben sollte.“

Kaituranja schaute den Knaben an. „Ja, er kommt mir auch ganz normal vor. Dass er kein so guter Healer ist, ist ja auch nicht so ungewöhnlich. Manche Druiden können eben besser kämpfen als heilen. Das ist einfach eine Veranlagung.“

Kontiaco sah sie begeistert an. „Stimmt das? Ist es gar nicht so schlimm, dass ich mit dem Healen Probleme habe?“

Sie nickte ihm leicht zu. „Nein. Es ist zwar nicht so häufig, die meisten Druiden heilen, aber es gibt auch Kämpfer. Du solltest nur schauen, dass du es so weit in den Griff bekommst, dass du dich im Kampf selbst heilen kannst.“

Der Junge lachte erfreut auf. „Das werde ich schaffen. Könntest du mir dabei helfen, es zu lernen? Mutter hat bisher gar nicht daran gedacht, dass ich ja kämpfen könnte.“

Kaituranja schmunzelte. „Was das healen angeht, kann ich es versuchen. Aber Kämpfen müsstest du von jemandem lernen, der es kann. Ich kann zwar ein wenig diese Magien benutzen, aber es liegt mir nicht so besonders.“ Sie legte den Kopf schief. „Aber wenn du sagst, sie mögen dich nicht, kennen sie dich überhaupt?“

Nein, ich war noch nie im Ort.“ Schüttelte er den Kopf.

Die junge Heilerin lachte. „Dann werden wir ihnen einen Streich spielen. Du kommst einfach mit mir und wir stellen dich den Magiern unter einem andern Namen vor. Wenn dich jemand im Angriff mit Magie unterrichten kann, dann sie. Sie sind es gewohnt, dass die Druiden, die bei ihnen lernen andere Magien benutzen als sie selbst. Das dürfte kein Problem sein.“

Die Mutter Kontiacos schaute ein wenig unbehaglich. Doch dann schaute sie auf ihren Sohn, der sie fragend anschaute. Man sah ihm an, dass ihm der Gedanke gefiel und dass er sich freute etwas lernen zu dürfen, was ihm besser lag, als das Heilen. Sie schaute ihren Mann fragend an. „Was meinst du? Können wir das gestatten?“

Der lachte amüsiert auf. „Doch, ich finde das passend. Ich konnte unserm Sohn ja nicht viel beibringen. Ein wenig, wie man Angriffen ausweicht, wie man den Schattenschritt benutzt, aber sonst….“ Er zuckte die Schultern. „Er ist eindeutig ein Druide und kein Schurke. Warum sollte er nicht bei den Magiern lernen. Und wenn er das nicht mit seinem wahren Namen kann, dann muss er eben einen andern benutzen.“ Er wandte sich seinem Sohn zu. „Ich glaube, das wirst du schaffen. Schließlich hast du auch ein wenig von mir.“ Stolz sprach aus seinen Blicken. „Sei wie ein Schurke, täusche sie.“

Kontiaco strahlte übers ganze Gesicht. „Ja, Vater. Das werde ich. Sie werden sich noch wundern.“ Sein Blick wandte sich noch mal Kaituranja zu. „Und du gibst mir Hoffnung. Du lehnst mich nicht ab, also besteht die Hoffnung, dass auch andere es nicht tun.“ Aus seinen Worten sprach die Sehnsucht, anerkannt zu werden.

Wir sind Freunde.“ Lächelte sie. Auch sie freute sich darauf, die Lehrmeister an der Nase herum zu führen. Sie war vorurteilslos. Und so wie der Junge sich gab, gefiel er ihr. Klar bemerkte sie, dass seine Aura nicht so rein war, wie ihre eigene, doch das machte ihn für sie eher interessant, als dass sie deswegen Angst vor ihm hätte.“

Ihr Magen knurrte und sie merkte, dass sie schon lange nichts mehr gegessen hatte. Kontiacos Mutter zuckte zusammen. „Ich bin eine schlechte Gastgeberin!“ entschuldigte sie sich. „Ich bin einfach keinen Besuch gewöhnt. Kannst du aufstehen und an den Tisch kommen? Oder soll ich dir was zu essen bringen?“

Die junge Heilerin fühlte sich aber gut genug und setzte sich langsam auf, schwang die Beine aus dem Bett, stellte sich langsam auf ihre Füße. „Es geht schon.“ Lächelte sie. „Mann, habe ich einen Hunger.“ Vorsichtig ging sie zum Tisch und setzte sich auf die Bank. Auf dem Tisch stand heiß dampfendes Essen. Erstaunt blickte sie auf den Kaninchenbraten. „Woher ist der?“

Kontiaco sah sie stolz an. „Das habe ich mit einem Dolchwurf erledigt. Das kann ich recht gut, wenn ich auch nicht mit dem Dolch kämpfen kann, wie Vater.“

Der lächelte stolz. „Er ist eben doch mein Sohn.“

Kaituranja sah den etwas jüngeren anerkennend an. „Ich kenne sonst niemanden, der so jung schon alleine auf die Jagd gehen kann. Du wirst bestimmt ein guter Kämpfer.“

Sie genoss das Essen, das sehr schmackhaft war. Dann schaute Kaituranja aus dem Fenster. „Oh. Es ist schon spät. Ich muss heim.“ Tatsächlich begann es schon zu dunkeln. „Das mit den Magiern machen wir Morgen. Am besten wenn ich meine Lehrstunden beim Heiler absolviert habe. Treffen wir uns dann am See und gehen dann gemeinsam zu ihnen.“

Der Junge strahlte. „Klar. Ich werde da sein.“

Es fiel Kaituranja nicht leicht ihren neuen Freund jetzt zu verlassen. Am liebsten wäre sie noch geblieben. Aber sie wollte nicht, dass sich jemand wunderte, wo sie bliebe und dann einen Suchtrupp ausschicken würde. Ihre Pläne wären gefährdet, wenn jemand das Haus hier finden würde und Kontiaco sehen würden. Auch überlegte sie, dass sie nachforschen wollte, was damals wirklich geschehen war. Aber ihr war klar, dass sie da sehr vorsichtig sein musste. Es durfte niemandem auffallen, sonst würden sie sich wundern, warum sie da was erfahren wollte.

Sie winkte ihnen noch mal zu und verließ dann das Haus. Das Lächeln am Schluss machte deutlich, dass sie sich wie Verschwörer fühlten. Und das waren sie ja eigentlich, wenn sie auch niemandem etwas Böses antun wollten. Es ging ja nur darum, dass Kontiaco die bestmögliche Ausbildung erhalten würde. Schließlich musste er ja irgendwann die Welt erkunden und dann musste er gerüstet sein. Kaituranja hatte schon gehört, dass die Welt außerhalb der Elfeninsel nicht so gefahrlos war, wie sie es gewohnt waren.

Bis Morgen.“ Rief sie Kontiaco noch mal zu, dann lief sie schnell nach Hause.

Angsttraum

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Friday, January 17th 2014, 10:33pm

Kaituranja konnte es kaum erwarten, bis am nächsten Morgen ihre Heilstunden vorbei waren und sie sich zu dem Treffpunkt mit Kontiaco begeben konnte. Er wartete schon mit strahlenden Augen auf sie.

Du bist gekommen.“ Rief er glücklich aus.

Hast du daran gezweifelt?“ sie war leicht eingeschnappt.

Er nickte beschämt. „Es tut mir leid, aber meine Eltern erzählen immer, wie es ist, wenn wie sich einmal in der Elfensiedlung sehen lassen. Sie werden behandelt, als wären sie böse Götter.“ Tränen traten in seine Augen. „Das haben sie nicht verdient. Sie sind die besten Eltern, die ich mir wünschen kann.“

Kaituranja war schnell besänftigt. „Ich bin nicht so, wie die andern. Vergiss nie, dass ich dich mag. Und jetzt werden wir diesen eingebildeten Elfen eine Lektion erteilen.“ Sie drückte ihm eine Papierrolle in die Hand. „Das hier habe ich heute Morgen besorgt.“ Die junge Elfe erzählte nicht, dass sie sich in die innersten Räume der Elfenstadt geschlichen hatte und das Dokument dort gestohlen hatte. Sie hatte gehört, dass der Elfe, um den es darin ging, aus ungeklärten Gründen nicht in die Schule gekommen war. Das war ideal. Unter seinem Namen konnte Kontiaco leicht seine Studien aufnehmen. „Du heißt ab jetzt Lurcano. Vergiss das nicht.“

Er rollte das Schriftstück auf und sah, dass es auf diesen Namen ausgestellt worden war. „Lucarno!“ flüsterte er vor sich hin. „Das kann ich mir gut merken.“

Seine Freundin lächelte. „Gib dich einfach, wie du bist. Ihn kennt niemand, er sollte vom Festland her kommen, aber er ist nicht aufgetaucht. Am besten sagst du, dass du in einem einsamen Gebiet aufgewachsen bist und wenig Kontakt mit andern hattest. Dann wundert sich niemand, dass du nichts über die Menschen weist.“

Kontaico winkte lachend ab. „Ich weis einiges über die Menschen. Mein Vater hat viel Zeit bei ihnen verbracht. Er wurde von ihnen als Dieb eingesetzt und hat mir einiges erzählt. Sein Leben dort war für viele Geschichten abends am Feuer gut.“

Das ist gut,“ lachte Kaituranja. „Komm. Gehen wir los.“ Sie ging voraus. Zeigte ihm den Weg.

Als sie dann die Gebäude der Akademie vor sich auftauchen sahen, klopfte ihnen beiden doch das Herz bis zum Halse. Es war leicht, sich einen solchen Betrug auszumalen, doch ihn dann auch glaubhaft durchzuführen, war etwas ganz anderes. Kaituranja überlegte kurz, dass es nicht so gut war, wenn sie mit Kontiaco zusammen auftauchte. „Bist du böse, wenn ich dich jetzt alleine lasse? Es ist besser, wenn du angeblich niemanden hier kennst. Es könnte Verdacht erregen, wenn wir zusammen gesehen werden, bevor wir uns offiziell kennen gelernt haben.“

Der junge Druide nickte wenig überrascht. Das hatte er sich selbst auch schon klar gemacht. „Kein Problem. Das schaffe ich.“ Murmelte er und ging auf die Gebäude zu. Dass er etwas unsicher erschien, war kein Nachteil. Der echte Lucarno wäre auch unsicher gewesen, wäre er hier aufgetaucht.

Kaituranja sah ihm nach. Sie konnte nicht sagen, wieso, aber sie hatte irgendwie kein gutes Gefühl bei der Sache. Doch sie beruhigte sich selbst mit dem Gedanken, dass es auch keine normale Situation war. Da war es doch nicht ungewöhnlich, wenn sie etwas unruhig war.



XXX



Wieder tauchte die Weise aus ihrer Geschichte in die Gegenwart. Krustanno hatte gebannt zugehört. Er war erstaunt darüber, was die von ihm so Verehrte damals gemacht hatte. Ihren Freund unter falschem Namen in die Schule einzuschleusen war schon ein hartes Stück, das sie sich geleistet hatte. Andererseits sah er ein, dass es wohl kaum eine andere Möglichkeit gegeben hatte, Kontiaco die Lehre zu ermöglichen.

Ich finde das wirklich unverantwortlich von den damaligen Lehrern, dass sie deinem Freund die wichtigen Lehrstunden nicht zugestanden haben. Egal, was bei seiner Aufnahme in die Gemeinschaft passiert ist. Er war ein Baby.“

Kaituranja zuckte die Schultern. „Ich denke, sie wollten einfach nicht mehr daran erinnert werden. Sie dachten einfach, aus den Augen, aus dem Sinn.“, sagte sie nachdenklich.

Du hattest ein schlechtes Gefühl dabei?“ hakte Krustanno nach? „Ging den irgendwas schief?“

Die Weise lächelte amüsiert. „Nein. Eigenartigerweise nicht. Es funktionierte einwandfrei. Er wurde akzeptiert und konnte mit dem Namen Lucarno seine Studien des magischen Angriffs betreiben. Und da war er ein Musterschüler. Nach wie vor fiel ihm das Heilen schwer. Doch auch da machte er Fortschritte. Alles schien gut zu laufen. Die Jahre gingen ins Land. Andere Freunde hat er allerdings nicht gefunden. Irgendwie schreckte jeder außer mir von seiner düsteren Aura zurück. Sie war einfach da und die Druiden sind ein ziemlich gefühlorientiertes Volk. Mich hat diese Aura allerdings nie gestört. Er hatte sie gut im Griff und wir hatten viel Spaß miteinander. Ja, auch mich schauderte es manchmal, wenn ich in seine Augen schaute. Der Schatten darin war schon verdammt tief und unheimlich. Doch wenn wir miteinander lachten, taten wir das frei und offen. So gingen die Jahre ins Land.“

Die Weise schaute ins Leere. „Und die Zeit kam, zu der ich die Insel verlassen musste, um in der Welt der Menschen meine Kunst der Heilung weiter zu entwickeln und mit ihnen in Kontakt zu kommen.“

Krustanno schluckte. „War Kontiaco sehr wütend, dass du fort musstest?“

Kaituranja schüttelte den Kopf. „Nein. Es war ja von vornherein klar gewesen. Im Gegenteil. Er war ja nur 3 Jahre jünger als ich. Wir planten, dass ich eben in die Welt der Menschen vorauseilen sollte und er mir dann, wenn er seinen Abschluss an der Elfenschule gemacht hätte, nachfolgen sollte. Wir wollten dann auch zusammen in der Welt der Menschen unsern Weg weiter gehen.“

Sie seufzte leicht auf. „Doch dazu sollte es nie kommen.“

Ihr Gegenüber sah sie erstaunt an. „Was ist geschehen?“

Das weis ich auch nur aus Erzählungen. Die einzige Information, die ich habe, ist, dass sie während seines Abschlusses hinter unsern Betrug kamen. Wütend haben sie es Kontiaco wohl an den Kopf geworfen und dabei wohl herausgefunden, wer er wirklich war.“ Kaituranja senkte den Kopf. „Wie es dazu kam, dass es zu einer magischen Auseinandersetzung kam, weis ich nicht. Jedenfalls wurde er wohl angegriffen. Doch in dem Moment müssen die dunklen Schatten in ihm, sein Denken überlagert haben. Ich vermute, er war wütend und hat die Kontrolle darüber verloren.“

Krustanno schnappte nach Luft. „Das hört sich nicht gut an. Was ist geschehen?“

Die Weise sah ihm tief in die Augen. „Ich war wie gesagt nicht dabei. Wahrscheinlich hätte ich ihn zurückhalten können. Doch außer mir konnte das wohl niemand, weil niemand außer mir zu seinem Freund geworden war. Es gab niemanden, der ihm in diesem Moment hätte Einhalt gebieten können, außer mir. Und ich war nicht da. Ahnte nichts davon, was in diesem grausamen Augenblick auf der Insel geschah. Ich wartete beim Festland auf ihn. Wartete, darauf, dass er mit dem Luftschiff nach Varanas kommen würde, um gemeinsam mit ihm durch die Welt der Menschen zu ziehen. Ich wollte ihm so viel zeigen und ich freute mich darauf. Doch ich habe ihn nie mehr gesehen.“

Der Zeremonienmeister zuckte zusammen. „Er starb? Sie haben ihn umgebracht?“

Doch Kaituranja schüttelte den Kopf. „Wahrscheinlich wäre es dazu gekommen. Aber als das Dunkel sein Denken umspülte, war er ihnen über. Soviel ich später gehört habe, hat er die Prüfer alle getötet und ist dann verschwunden.“ Traurig dachte sie an die Zeit zurück. „Als er nicht kam, bin ich mit dem Luftschiff zur Insel zurückgekehrt. Ich fand die Prüfungsräume total zerstört vor und die Insel in tiefer Trauer. Kontiaco aber war verschwunden und mit ihm seine Eltern. In ihrer Hütte, die übrigens total zerstört war, lag eine Nachricht an mich. Offenbar haben die Elfen in ihrer Angst und Wut selbst vor den Eltern von Kontiaco nicht halt gemacht. Auf dem Zettel stand, dass sie mit einer Transportrune die Insel verlassen hätten, da sie keine Zukunft mehr auf ihr hatten. Sie wollten nach dem Ort ewiger Dunkelheit forschen, in der Hoffnung, dort etwas zu finden, dass ihren Sohn von dem Schatten in seinem Ich befreien konnte.“ Ein Zittern lief durch Kaituranjas Körper. „Natürlich habe ich dann auch versucht am Festland bei den Menschen einen Weg dorthin zu finden. Doch alle meine Nachforschungen blieben im Dunkel. Außer ein paar Sagen der Menschen habe ich nichts darüber herausfinden können. Und leider habe ich auch von Kontiaco nichts mehr in Erfahrung bringen können. Er war und ist bis heute verschollen.“ Sie lehnte sich zurück. „Aber es ist seitdem viel Zeit vergangen. Du weist, wir leben viel länger als die Menschen. Heute weis ich nicht, ob er überhaupt noch lebt. Ich bin ja selbst schon sehr alt geworden. Doch dieses Geheimnis blieb mir immer verschlossen.“

Krustanno presste die Lippen zusammen. „Und nun ist da die kleine Catleen. Du hast Recht. Wir müssen darauf achten, dass sie den Schatten in sich beherrschen lernt. Auf keinen Fall darf sich das Geschehen von damals wiederholen.“

Die Weise nickte. „Ja, wir müssen sie in Liebe einhüllen. Ich habe gesehen, dass meine Freundschaft gereicht hat, die Schatten in Kontiaco unter Kontrolle zu halten. Das wird und muss uns auch bei Catleen gelingen. Sie kann zu genauso einer Gefahr werden, wie er es damals geworden ist. Doch in die richtigen Bahnen gelenkt, kann sie auch zu einer unserer besten magischen Kämpferinnen werden. Es ist eine große Aufgabe, die wir da haben und viel Verantwortung. Doch ich weigere mich zu glauben, dass dieses Baby schlecht ist.“

Der Zeremonienmeister stimmte ihr zu. „Ich bin derselben Ansicht. Ja, der Schatten in ihr ist tief und unheimlich. Aber gemeinsam mit ihrer Mutter werden wir es in den Griff bekommen. Du kannst bei dieser Aufgabe auf mich rechnen.“

Kaiturnanja lächelte ihm erleichtert zu. „Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann. Aber ich hoffe, dass Catleen auch Freunde findet. Je mehr, desto besser. Sie sollte nicht nur an einer Person Halt finden, so wie Kontiaco damals an mir. Wenn mehrere Leute zu ihr halten, ist die Gefahr viel geringer.“

Ihr Gegenüber nickte. „Wir werden alles versuchen, sie in die Gemeinschaft zu integrieren. Vielleicht ist das auch der einzige Weg, den Schatten in ihr zu besiegen. Wenn sie von viel Licht umspült wird, könnte es nicht sein, dass er dann eines Tages entschwindet?“

Doch da schüttelte Kaituranja den Kopf. „Das glaube ich nicht. Er ist ein Teil von ihr und ich denke, dass er lebenswichtig für sie ist. Aber wenn sie diesen Schatten beherrscht, anstatt er sie, haben wir gewonnen.“

Sie waren sich einig und irgendwie freuten sie sich auf diese große Aufgabe, die das Schicksal ihnen gestellt hatte. Mit Gewalt versuchte Kaituranja sich von der Vergangenheit loszureißen. Sie war eine Mahnung, aber sie sollte nicht mehr Macht über das heutige Leben haben, als es ihr zustand.

Wir werden es schaffen!“ sagte Krustanno bestimmt. „Catleen soll viel Freude am Leben haben, eingebettet in unsere Gemeinschaft.“

Sie nickte. „Ja, das wird sie.“



XXX



Die kleine Catleen ahnte nichts von den schweren Gedanken, die sich andere um sie machten. Sie lag in ihrer kleinen Wiege und schlief tief und fest. Das Baby bot ein Bild des Friedens. Ihre Mutter Lurandaja schaute voller Stolz auf ihre kleine Tochter. Aber ihre Gedanken eilten weit hinaus in die Welt der Menschen. „Du wirst stolz auf sie sein, Geliebter. Und wenn sie erwachsen ist, werde ich ihr die Wahrheit über dich erzählen. Sie wird den Weg zu dir finden.“ Murmelte sie vor sich hin. „Doch bis dahin werde ich meinen Schwur halten und schweigen. Jedem gegenüber.“

Sanft strich sie über das Köpfchen des schlafenden Elfenbabys. „Du bist ganz was besonderes, meine kleine.“ Liebevoll zog sie die Decke gerade und machte sich an ihre Arbeit, immer wieder einen Blick auf die schlafende Catleen werfend.

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